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Wanderfahrt auf dem Neckar vom 12. bis 20. August 2005
Nach jahrelanger Abstinenz erschien es unserer Wanderruderwartin Ursel Ries an der Zeit, den MRV mal wieder auf dem Neckar sichtbar werden zu lassen. Außer Ursel waren dabei: Ronne und Wulf Richter, Peter Jess, Eckart Bartels, Kurt Vollmer, Bernd Urlaub, Joachim Schmidt, Wilfried Kraft, Theresa Beissel sowie der Berichterstatter (den es auf der Basis eines von ihm selbst vor einigen Jahren ersonnenen Losentscheids in diesem Jahr zum zweiten Mal ‚erwischte’, die Tour-Chronik zu verfassen). Mit dieser 11-er-Truppe konnten wir die „Elbe II“ und die „Neptun“ als Dreier bzw. Vierer m.Stm. besetzen. Jeweils Zwei hatten Landdienst und zogen PKW und Minibus/Hänger parallel mit. Ursprünglich gab es doch drei weitere Anmeldungen, die aber z.T. kurzfristig abgesagt wurden. Die Anreise fand bei teilweisem ‚Sauwetter’ statt, und wir beruhigten uns damit, dass das, was da vom Himmel herunterkam, schwerlich uns am nächsten Tag behelligen würde. An dieser Stelle sei unserem Cheffahrer Peter bereits gedankt, der uns – immer unterhalb der Aquaplaning-Geschwindigkeit operierend – das Gespannfahren weitgehend abgenommen hat. Beim Esslinger RV wurden wir umfangreich von einem Ruderkameraden auf alles Mögliche, Wahrscheinliche und Unwahrscheinliche eingewiesen und kompetent beraten, so dass wir uns ganz sicher aufgehoben fühlen konnten. Der Abend klang gemütlich in einem nahe gelegenen Gasthaus aus – er war allerdings etwas lang, und wir kamen dadurch recht spät auf unsere unterschiedlichen Schlafunterlagen in diversen Räumen des recht weitläufigen Bootshauses. Tags darauf - bei bestem Wetter - mussten wir feststellen, dass wir wohl alle bei der 120%-igen gewissenhaften Wegbeschreibung nicht gut genug zugehört hatten – jeder hatte etwas anderes verstanden und keiner es offenbar richtig. Jedenfalls geriet die Suche nach der (und später stellten wir fest, dass es tatsächlich nur diese eine gibt!) Einsatzstelle in Plochingen (von hier an ist der Neckar durchgängig beruderbar) fast zum Fiasko. Dem Minibus fügte das auch noch eine Minidelle zu! Natürlich fanden wir sie dann doch, und dann bahnte sich das eigentliche Fiasko an: jede Suche nach dem 6. für die „Elbe II“ benötigten Ausleger verlief ins Leere. Wir wollten es nicht wahrhaben, aber es gab keine andere Lösung mehr: wir hatten ihn in unserem Bootshaus liegen lassen! Was nun? Auch im nach hinein noch ein ‚Hurra’ dem ICE-Kurierdienst. Abends hatten wir ihn bei uns (für 90 EURO), und fast alle haben wir ihn geherzt und liebkost. Das aber war nur möglich durch die tatkräftigste Unterstützung von Familie Görnandt - Uli fuhr sofort zum Bootshaus, fand den Ausleger und übergab ihn seinem Sohn Marius, der ihn umgehend per Motorrad nach KS-Wilhelmshöhe brachte. Und das alles auch noch an Mariannes Geburtstag! Die wahren Ruderkameraden erkennt man besonders gut in Extremsituationen. Das ging so reibungslos, dass mancher wohl auf die Idee kommen könnte, man müsste gar nicht alles mitnehmen, denn irgendwie kann man eigene Schusseligkeiten ja auch wieder ausbügeln (lassen). Am ersten Tag wurde die „Oder“ noch mit einem auf ‚3’ sitzenden Kielschwein vorwärts getrieben (durch insgesamt 6 Schleusen). Kurt war einer von ihnen, und am Ende der Tagesreise erschien er mir auf diesem Sitz als nicht besonders glücklich aussehend (dazu muss man auch wissen, dass schon ‚Steuern eines Bootes’ nicht zu Kurts Vorlieben zählt; er rudert lieber). Die Mittagsrast fand in Stuttgart unweit des Gottlieb-Daimler-Stadions bei einem Kanuclub statt, wo wir sehr freundlich aufgenommen wurden; ebenso war es beim Cannstädter RC am Abend. Die Fahrt war wesentlich geprägt durch Industrielandschaft und einige Weinberge. Überhaupt gilt für die gesamte Fahrt, dass wir an zahllosen Kraftwerke (meist ‚Kohle’) vorbei fuhren und durch einige Häfen hindurch. Von Heilbronn an nimmt die kommerzielle Schifffahrt enorm zu. Trotzdem hatten wir bis auf einmal keine nennenswerten Wartezeiten an den zahllosen Schleusen. Die Nacht verbrachten wir in der sich im Umbau befindenden Jugendherberge in Stuttgart mit gutem Service und beeindruckendem Blick auf die Innenstadt. Das Abendessen im „Urban“ fand überwiegende Zustimmung und nur ganz wenig Anlass zur Kritik. Die Weiterfahrt verlief bei etwas Regen am Morgen, aber für uns kein Grund zur Trübsal. Insbesondere nicht für Wulf, der beim Steuern seine Beine in eigens mitgebrachte gelbe Müllsäcke hüllte. Er wird wohl gewusst haben, dass an diesem Tag keine Abfuhr stattfindet! Die Weinberge nehmen hier zu und verlieblichen die Landschaft. Mittags gerieten wir an einen sehr kooperativen Wirt, der der Kaufkraft von Wasserwanderern positiv gegenüber gesonnen war. Wir gaben ihm noch einige Tipps, wie er aus unserer Sicht besser auf seinen Gasthof aufmerksam machen könnte, aber in Deutschland kann man offenbar eben nicht an einem Flusslauf Hinweisschilder aufstellen - und seien sie auch noch so dezent -, die dem Suchenden das Suchen erleichtern und dem Dienstleister die Möglichkeit gäbe, seine Dienstleistung einem erweiterten Kreis anzubieten. Um Gotteswillen, da würden Hungrige und Durstige ja von ihrer Pein erlöst werden, und die Gemeinde ja auch noch Steuern kassieren können. Da seien die Schilder (Schilda!)-Verordnungen davor! So war uns der deutsche Bürokraten-Alltag auch noch bis hier hin präsent. Die Kilometer-Leistung entsprach in etwa der des Vortages (ca. 25), und wir waren noch kräftig genug, uns ‚Kultur’ zuzuführen, waren wir doch in der Schiller-Stadt Marbach den Booten entstiegen (beim Marbacher RV, kurz MRV). Wir besuchten das Schiller-Haus und die Schiller-Ausstellung ‚Götterpläne und Mäusegeschäfte’ im Schiller-Nationalmuseum, wovon insbesondere letzteres sehr sehenswert ist. Abends amüsierten wir uns in Ludwigsburg in der „Brauerei zum Rossknecht“ köstlich. Unser Quartier war auch in Ordnung, wenngleich wir kein Frühstück bekommen konnten. Das glichen wir lässig nächsten Morgen in einem Backshop in Marktnähe aus. Ursel hat sicherlich schon an netteren Orten ihr Geburtstagsfrühstück zu sich genommen, aber sie ließ es sich nicht anmerken, und das Ambiente war ja so schlecht auch nicht. Unser amtierender Lehrer, der sich tags zuvor im Museum noch ganz im Sinne einer Fortbildung in die ausgelegte Literatur vertiefte, wodurch die Fahrt für ihn vielleicht den Werbungskosten zuzurechnen wären, konterkarierte diesen Ansatz aber ebenso wie andere, indem er sich der Lektüre der Bild-Zeitung hingab. Unser weiterer Drang nach Kunst endete nach der Einnahme der köstlichen Brötchen an einem Drehkreuz, denn wir sollten für die Schlossbesichtigung von außen schon Eintritt zahlen. Das war es uns nun doch nicht wert, allzumal durch die Zaungitter ja auch schon ein Blick zu erheischen ist. So saßen wir denn um 10 Uhr schon wieder auf den Rollsitzen bei wunderbaren feinstem Dauerregen. Das ließ sich auch deswegen in dankbarer Demut ertragen, weil wir von den positiven Wetteraussichten bereits wussten. Mittags war es auch schon wieder vorbei. Bei der mittäglichen Rast wurde ein ‚Kleiner Feigling’ auf Ursels Wohl getrunken. Vermutlich haben wir ihr alle im Stillen eine regenfreie Restfahrt gewünscht, und so war es dann fortan auch. Die nächste Station war beim Laufener RC (32 Tageskilometer). Abends amüsierten wir uns bei gutem Essen bestens im “Dächle“, nachdem wir uns vorher im gutbürgerlichen Quartier ausgebreitet hatten. Da ich auch während solcher Fahrten das Laufen meist nicht recht lassen kann, bot es sich in diesem Ort ja besonders an. So lief ich ein Teil der Strecke zurück (bis zum AKW Neckarwestheim) und stellte dabei fest, dass die Landschaft, aus der Rollsitzperspektive betrachtet, doch noch deutlich schöner erscheint. Das blieb auch bis Heilbronn am nächsten Tag so, vor und hinter diese Stadt allerdings durchfuhren wir recht lange ein Industriehafengebiet - sehr wenig reizvoll. Von hier an nahm dann auch die Berufsschifffahrt gehörig zu. Gegen 16 Uhr erreichten wir den Ort Bad Wimpfen und das schöne Bootshaus des RV’s. Es war wieder Bootshaus-Übernachtung angesagt mit den entsprechenden Improvisationen rund um das Kampieren auf den eigenen Schlafutensilien. Ursel bewährte sich bestens als Stadtführerin und ließ uns an ihrem durch das Internet erworbenen Wissen selbstlos teilhaben. So verließen wir den Ort deutlich schlauer als wir ihn betreten hatten. Die uns von Eingeborenen empfohlene Gaststätte hatte nahezu ausschließlich „Maultaschen’’ im Programm, weswegen wir im Innenhof-Freiland eine entsprechende ‚Orgie’ inszenierten, bestens versorgt von einer Jungunternehmerin. Obwohl es auch ein recht grundsolider Abend war, waren Eckart und ich etwas unpässlich am nächsten Morgen. Wovon? Keine Ahnung; wir waren auch bald wieder fit. Die Weiterfahrt war schon gegen 9 Uhr nach dem Standard-Frühstück bester Qualität und dem immer auf dem Programm stehenden Aufräum- und Putzarbeiten. Zwar gibt es nun keine Weinberge mehr zu sehen, dafür aber Wälder und Burgen. Der Neckar nimmt hier teilweise eher den Charakter einer Seenlandschaft an. Mittags gerieten wir an einen sehr kooperativen Campingplatz-Wirt, der uns seine Infrastruktur ‚Tisch und Bänke’ überließ, ohne Verzehr von uns zu erwarten. Natürlich passierte das aber trotzdem, und er machte so doch noch ein Geschäft: vorzugsweise wurde flüssige Nahrung in braunen Flaschen von uns gekauft. Bei bestem Wetter legten wir die längste bisherige Etappe zurück: 42 km mit 4 Schleusen. Zu den Schleusen ist noch zu sagen, dass zu ganz überwiegendem Teil dort Wallnussbäume wachsen. Wir rätselten, warum, und fanden keine Antwort. Irgendeinen Grund sollte es eigentlich haben (bei der Kasseler Stadtschleuse steht übrigens auch einer). Die Boote legten wir beim der RG Eberbach ab; Übernachtungsquartier war der Gasthof „Zur Linde“. Nach dem grundsoliden Essen verzogen sich einige, um das Fußballspiel Deutschland-Niederlande über sich ergehen zu lassen. Wieder mussten wir recht früh aus den Betten mit anschließendem besten Frühstück bei bestem Wetter. Schon um 8 Uhr standen wir bei der Bootswerft Empacher im Foyer, das wegen einiger Boote mit großer Historie auch ein kleines Rudermuseum darstellt. Ein junger Mitarbeiter, Herr Schäfer, führte uns 2 Stunden kompetent durch eine der größten Ruderboot-Werften der Welt. Er blieb uns keine Antwort schuldig (und wir hatten viele Fragen!). Es war rundherum ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Bei dem Kundenstamm können wir wohl davon ausgehen, dass wir ein zukünftiges olympisches Goldmedaillen-Boot bereits gesehen haben! Bei idealen Bedingungen mussten wir danach dann wieder selbst Hand anlegen, wobei u.a. die herrliche Kulisse von Hirschhorn an uns vorbei rauschte. Die Rast bei Neckarsteinach in einem Biergarten durften wir aus eigenen Beständen bestreiten. Auch hier also wieder eine Großzügigkeit, die man gar nicht mehr gewohnt ist: ‚Hier können Familien Kaffee kochen’, wo gibt es das heute noch?! Wieder erwartete man lediglich den Verzehr des einen oder anderen Getränkes, was natürlich auch geschah. Es war der wohl heißeste Tag, bisher. Der Landdienst mühte sich nachmittags sehr redlich, Quartier (Jugendherberge) und Boosthaus des Heidelberger RK zu finden. Hier rächte es sich etwas, dass das Kartenmaterial für ‚Straße’ deutlich schlechter war als das für ‚Fluss’ und ohne Wulfs Internet-Ausdrucke würden wir wohl jetzt noch suchen. Das Bootshaus liegt an einer recht befahrenen Straße, dann kommt eine große Wiese und am Ufer ist dann der Steg von der Strasse kaum mehr zu sehen. Offenbar wegen der Ferien war auch niemand im Bootshaus (und telefonisch) erreichbar, so dass wir nach einigem Hin und Her unsere Boote (nach 35 Tageskilometern) auf die an der Straße stehenden Hänger ablegten. Nächsten Morgen fanden wir sie unbeschädigt wieder. Die DJH war mit unzähligen spanischen jungen Mädchen aus ca. 6 Bussen angefüllt und alle anderen Gäste deswegen eine Minderheit. Ihr Ziel war der Weltjugendtag in Köln mit dem Papst. Ein dichter liegendes Quartier hatten sie offenbar nicht mehr gefunden. Bei der Fülle war es erstaunlich, dass es beim Frühstück überhaupt keine Probleme gab. Das hätte ein Grand Hotel auch nicht besser hinbekommen können! Wir machten danach eine kurze Stadtbesichtigung. Die meisten Geschäfte hatten noch geschlossen. Wir waren danach um 10.20 Uhr schon wieder auf dem Neckar, oder besser: auf einem seiner Schleusenkanäle. Es wurden uns zahllose Warnungen zuteil wegen der Gefährlichkeit (die Heidelberger Rudervereine berudern das Stück aus Sicherheitsgründen wohl nur sehr selten), aber für uns war das absolut nichts Außergewöhnliches, und wir kamen schadlos weiter. In Ladenburg zur Mittagspause stießen wir auf den nächsten großzügigen Wirt, denn die ‚Spielregeln’ glichen denen der vorherigen Tage. Hier nach ist der Neckar doch schon mächtig breit und total von Industrie bestimmt. Der Odenwald wurde immer kleiner, aber es stand uns ja noch das Erlebnis ‚Rheinrudern’ bevor. Und bevor wir uns recht versahen, waren wir auch schon drauf (bei Kilometer 429)! Eingerahmt von einer linksrheinischen monumentalen Raffinerie fuhren wir 3 km abwärts, um dann in einen Altarm einzubiegen und dort nach weiteren 5 km beim Endpunkt ‚Volkstümlicher Wassersport Mannheim’ für diesmal endgültig an Land zu gehen (nach weiteren 35 km). Für mich waren insbesondere die 3 km ‚richtiger Rhein’ durchaus etwas Emotionales. In der letzten Stunde wurde der Himmel immer schwarzer, aber der Regen ‚hielt’. Erst beim Verladen wurden wir etwas nass. Im Naturfreundehaus fanden wir eine hervorragende Unterkunft und in einer etwas entfernter gelegenen Gaststätte, draußen sitzend geschützt von Markisen, auch gutes Essen. Im Namen aller sprachen Wilfried in einer kleinen Rede und Tim mittels eines Gedichtes Ursel gegenüber unser aller Dank und Anerkennung aus, dass auch diese Fahrt (211 km und 27 Schleusen) einmal mehr für alle zum schönen Erlebnis wurde. Weil es bei soviel Individuen und Individualisten auch schon mal etwas ‚knirscht’, ist das ja auch wissenschaftlich schon untersucht worden, was davon zeugt, dass das durchaus auch normal sein kann. Das Wetter auf der Rückfahrt passte sich dem der Hinfahrt total an: es war ‚Sauwetter’ ohne Ende. Auch Ursels Missgeschick, in Bad Wimpfen ihren kleinen Rucksack mit ihren Hausschlüsseln liegengelassen zu haben, passte nicht zu den schönen Vortagen. Aber: diesmal ging es ohne ICE-Kurier, denn das besorgte in diesem Fall das ‚Wilfried-Auto’, fuhr einen kleinen Umweg und alles war wieder gut. Am frühen Nachmittag waren wir wieder im Heimathafen, und etwas später die glänzenden Boote auch wieder in ihren angestammten Auflegern.
Hajo Heinemann
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