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Unternehmen Masurische Seen - ein Traumerlebnis
Die urtümliche Landschaft mit ihrer Weite und ihrer wechselvollen Geschichte waren Anreiz für eine Gruppe Mündener Ruderer das Abenteuer "Masuren" anzugehen. Nach 1 1/2 jähriger Vorbereitung ging es im August bei guter Wetterprognose los. Der Hänger, beladen mit 2 Kunststoff-D-Vierern, wurde von einem VW-Bus gezogen, besetzt mit 8 Teilnehmern. Zwei weitere Mitglieder fuhren per Bahn zum ersten Ziel nach Nikolaiken und kamen pünktlich an. Die Autogruppe ist non-Stop 18 Stunden gefahren. Für die ersten 3 Tage war in einer Nikolaikener Pension Quartier gemacht. Von dort aus konnten die südlichen masurischen Seen befahren werden. Danach erfolgte ein Transfer zu Wasser und zu Lande in einer Tagesfahrt nach Wilkassen - 5 km s.w. von Lötzen - am Löwentinsee. Auch dort wurde 3 Mal übernachtet. Beide Pensionsinhaber sprachen deutsch und konnten sachkundige Auskunft auf unsere Fragen geben. In beiden Häusern wurde hervorragend gekocht. Zum Frühstück bogen sich die Tische und abends wurde landestypisch gespeist -Hecht polnisch-Rote-Bete-Suppe - Bigos - Piroggen und andere Leckereien. Mitgäste waren in Nikolaiken deutsche Heimatturisten und in Wilkassen eine Frauengruppe aus ganz Deutschland, die eine geführte Fahrt mit Bus und Fahrrad durch Ermland und Masuren machte. Auf der Seepromenade in Nikolaiken war abends Hochbetrieb. Der 4500 Einwohner zählende Ort nennt eine 1994 wieder geweihte evangelische Kirche sein eigen. Eine Wuppertaler Patengemeinde hat bei der Restaurierung der als Lagerhalle genutzten Hallenkirche mit einem weit ins Land schauenden Kirchturm geholfen. Bemerkenswert für die Entwicklung des deutsch-polnischen Verhältnisses ist die Benennung der alten Ratsschule in "Marion-Gräfin-Dönhoff-Gymnasium". Lötzen, die 26ooo Einwohner zählende Stadt und Hafen der nördlichen Masurischen Seen, verfügt über einen Schifffahrtskanal, der schon von Friedrich dem Großen geschaffen wurde und den Löwentin- und Mauersee miteinander verbindet. Auf beide verteilen sich die 3 umtriebigen Segelhäfen. Neben dem ruinösen Bauwerk der ursprünglichen Burg und späteren Schloß an der heutigen Drehbrücke über den Kanal, ist die nach Plänen von Schinkel errichtete Basilika sehenswert. Der erste Rudertag stieg nach kurzer Nacht und vereinigtem Frühstück der Bus- und Bahnfahrer. Die beiden Boote waren schon am Vortage aufgeriggert worden. Vom gesicherten Pensionsparkplatz aus konnte direkt am hauseigenen Steg eingesetzt werden. Die küstenerfahrenen Mannschaften - darunter auch 3 Frauen- machten die Boote klar, um erstmals masurisches Wasser unter den Kiel zu bekommen. Unser erstes Ziel war die Einfahrt zum Lucknainer See mit seinen tausenden Höckerschwänen. Es gab einen richtigen Freudenjuchser als die ersten Wassertropfen durch die Luft wirbelten. Der"Schwanensee"ist als Naturschutzgebiet nicht befahrbar. Der Spirdingsee lag ruhig und Spiegelglatt vor uns. Unser Beschluß war, den See an seiner Nordseite zu durchqueren. Er ist mit 106 qkm der größte See Polens. Von einem unverhofften Stop eines Bootes abgesehen- es war auf einen Findling aufgefahren - ging es zügig voran. Mittags belegten wir den Steg der Polnischen Wasserrettungsorganisation in Eckersberg (Okartowo) zur Mittagspause. Nach Plan sollte von dort das Ostufer in südwestlichem Kurs ausgefahren werden. Kaum hatten wir die kleine Bucht verlassen, frischte der Wind schnell auf Stärke 6 auf. Nach 3 km Wellenfahrt bei auflandigem Wind erreichten wir den vorher ausgemachten Landeplatz Neugutten (Nowe Guty). Die Boote lagerten neben frisch gedroschenem Weizen in der Scheune des freundlichen Landwirts zunächst über Nacht. Unser "Transportwart" fand einen ebenso freundlichen Autofahrer, der ihn die 30 km zurück nach Nikolaiken brachte, von wo aus er den Mannschaftsbus heranschaffte. Die Rückfahrt zu Lande offenbarte die Vielzahl von Störchen, darunter Jungstörche die Start und Landung im Nest trainierten. Am zweiten Rudertag frischte der Wind vormittags noch einmal auf. Wir nutzten die Zeit, um eine Schweißreparatur am Hänger vornehmen zu lassen. Der Automechaniker erledigte seine Aufgabe hervorragend, schnell und preisgünstig und zeigte sich als Meister im Improvisieren. Mittags luden wir die Boote auf, um sie auf dem Landwege nach Nikolaiken zurück zu bringen. Vorher nahmen wir unser Mittagsbrot windgeschützt hinter einer Buschreihe mit Blick auf den wellendurchfurchten Spirdingsee. Am Nachmittag war noch eine 3o km lange Fahrt auf dem Nikolaikener See und dem nach 5 km südlich abzweigenden Beldahnsee bis Rudciane-Nida und zurück möglich. Dieses Revier wird von Segelbooten favorisiert, Sie sich vor dem bewaldeten Uferlinien des schmalen Sees in der Abendsonne abhoben. Der sich nach Süden anschließende sichelförmige Niedersee in der Johannisburger Heide blieb uns verschlossen: Denn der dritte Rudertag war für den Umzug von Nikolaiken nach Wilkassen geplant. Nach herzlichem Abschied von unserem Pensionswirt nahmen wir Nordkurs auf. Schnell waren wir an dem Pfeiler der Stras- senbrücke, an dem der "Stinthengst" -eine 3 m lange buntbemalte mit Goldkrone versehene (Blech-)Maräne- festgekettet ist. Dieser Fisch ist Schutzpatron der Fischer und Wappentier der Stadt. Der Stinthengst hat Netze zerstört und Fischerboote zum Kentern gebracht und damit die Fischer geschädigt. Man fing ihn in einem eisernen: Netz und zog ihn an Land. Dann bat der bekrönte Stint, ihn ins Wasser zurück zu geben und versprach dafür weiter reiche' Beute. Die Fischer gaben ihn in sein Element zurück aber nicht in Freiheit. Seither schwimmt er angekettet im See und kann kein Unheil anrichten. Hinter der Brücke taucht steuerbord der Turm der Nikolaikener Kirche auf. Gegenüber auf der Westseite spiegelt sich die Front des Großhotels Golebiewski im Talter See. Bei Schiebewind und leichtem Wellengang erreichten wir zügig die Einfahrt in den Taljter Kanal. Alle Einfahrten der Kanäle waren mit Seezeichen ausgestattet. Hier fielen uns die vielen treidelnden Segler auf. Ihr Mast war niedergelegt; über einen Motor verfügten die meisten nicht. Das Kanalsystem verbindet die südlichen und nördlichen Masurischen Seen und war im 18. Jahrhundert für Holztransporte geschaffen. Heute sind die Wassersportler und Schiffe der Weißen Flotte die Nutznießer. In Prazmowo am Jagodner See fanden wir den angekündigten gut ausgestatteten Biwakplatz für die Mittagsrast. Den Platz hatte die Ruderriege vom Friedrichsgymnasium, Kassel auf ihrer Fahrt 2000 angesteuert. Er ist für Wasser- und Landfahrzeuge gleich gut erreichbar. Hier wechselte der Fahrer des Gespannes, ein Platz im Boot blieb weiter unbesetzt. Der Wind frischte mittags noch einmal auf, er legte sich während der Nachmittagsetappe. Vorsorglich geplantes Kontakthalten an der Brücke des Kullakanals oder bei Rotwalde, südlicher Ausgangsort des Saitensees, war eigentlich überflüssig. Es blieb Zeit in Strzelzen an dem flachen Sandstrand eine Pause einzulegen. Weiter auf der Westseite des Löwentinsees war Wilkassen schnell erreicht. Der Verwalter des privaten Segelhafens, nördlich vom Sportboothafen, der Polnischen Akademien und nördlich von einem kleinen Strandbad wies uns 2 Liegeplätze an Land zu. Gebühr: 1o ZI. je Boot und Tag. Am 4. Rudertag war die längste Strecke zu bewältigen - 54 km. Die Boote sollten im sicheren Hafen übernachten. Der Wettergott war uns hold. Der Törn führte durch den Schifffahrtskanal in Lötzen, auf den Mauersee- mit 104 qkm Fläche der zweitgrößte masurische Seen- bis nach Angerburg. Der Südwind blies uns entlang der Schifffahrtsroute, die letzten Kilometer durch das Tal der Angerap in den Stadthafen. Der nördlichste Punkt der Fahrt war damit erreicht, 15 km vor der Grenze nach Russland. Unter dem Schatten der Promenadenbäume gegenüber dem Schloß war eine Anlegebrücke unsere Mittagstafel. Auch nachmittags wählten wir wieder die kürzeste Strecke. Es gab leichte Brise Gegenwind. Nach halber Etappe trafen wir wieder auf die Schmalstelle im Mauersee - die Steinorter Enge- mit der Straßenbrücke. Am Vormittag gab es noch Platz am Steg an der Nordseite. Beim Kurzaufenthalt legten wir am westlichen Brücken fundament im Süden an, wobei Betonteile die Aktion erschwerten. Für ein vor dem Wind treibendes Segelboot ist die Brücke zum Verhängnis geworden. Mit aufgerichtetem Mast lag es vor der 5 m hohen Durchfahrt und war mit eigenen Mitteln (2 Paddel) nicht fähig, den Schaden am Mast zu verhindern. Unter den Segelbooten sieht man eine große Zahl gecharterter. Einige davon werden von Anfängern gefahren. Der Eingang in den Kissainer See wird durch die Königspitze (Krolew ki Rog) markiert. Die Inseln des Kissainsees blieben westlich lie-gen. Am Südufer des Sees liegt der Sportboothafen "Almatur", der 3. Hafen Lötzens. Wir fuhren an der Halbinsel Kleiner Werder südlichen Kurs vorbei und in den Löwentinkanal ein. Dieser ist nicht so übersichtlich, man muß mit voller Aufmerksamkeit steuern. Für die. Rückfahrt haben wir 4 Stunden gebraucht, eine halbe mehr als für Hinfahrt. Am 5. und letztem Rudertag Masurische Seen erkundeten wir das Westufer des Kissainsees mit seiner Inselwelt. Zwischen Kleinem und Großem Werder durch eine schmale Fahrrinne gelangten wir in weltabgeschiedenes Gebiet. Vogel- und Fischerinsel blieben östlich Zurück; weiter an der Ostseite der Halbinsel Fuleda nach Norden. Hinter einem Schilfgürtel am Wysoki R6g fanden wir einen Anlegeplatz Spätestens hier hätten uns die Mücken überfallen müssen. Entgegen aller Vorwarnungen haben wir keine nähere Bekanntschaft mit den Plagegeistern machen müssen. Auf unserem Wege weiter im NW um die Faulhödener Spitze herum gelangten wir in den Dobensee. Wir nahmen Kurs Südwest auf die Komoraninsel zu. Die Wellen nahmen wieder zu. Auf den kahlen Bäumen der Insel saßen Tausende von Komoranen. Wir verließen nordwärts den See begegneten dabei Segelbooten und Fahrgastschiffen von Lötzen kommend. Über den Lababsee fanden wir zur Einfahrt des Steinorter Sees, die ein- und ausfahrenden Segelboote wiesen uns den Weg. Die Steganlage des Sportboothafens ist in 2001 auf das 1 1/2fache erweitert worden. Uns wurde ein Liegeplatz in der westlichen neuen Anlage zugewiesen. Den dort tätigen Landvermessern nach zu urteilen, sind weitere Bauten vorgesehen. So großzügig wie die Marina entwickelt wird, so entmutigend ist die Situation des Lehndorffschen Schlosses mitsamt dem dazugehörigen Park. Ein Storchenpaar auf dem Dach eines Seitenflügels ließ sich davon nicht beeindrucken. Nach der Rast an alten Alleen in Reichweite zu den Booten brachen wir zur Rückfahrt auf. Die Ampel am Lötzener Kanal zeigte rot. Wir mussten einige Minuten warten, ehe es zur Slipeinlage in Wilkassen weiterging. Das Verladen der Boote ging schnell von der Hand. Das beladene Gespann übernachtete mit der Mannschaft im Pensionaisgelände. Am Abend genossen wir noch einmal die hervorragende Küche unserer Wirtin und nahmen mit Wehmut Abschied von dem dunkelnden Himmel über der Weite der masurischen Landschaft.
Der zweite Teil der Fahrt war der Städtepartnerschaft Kulm - Hann. Münden gewidmet. Ein großes Programm erwartete uns. Wir trafen Unseren Kulmer Kontaktbeauftragten um 15 Uhr am Graudenzer Tor. Er hatte uns 1 1/2 Tage lang fast alles über die beiden besichtigten Städte Kulm und Thorn vermittelt. Die erste Botschaft von ihm war für uns niederschmetternd. Die Weichsel sei wegen Hochwassers und Coli-Infektionsgefahr nicht zu rudern. Wir fügten uns grollend, denn sie lag nur 1,5 m über MHW. Zum Trost hat der gut deutsch sprechende "Gästeführer" uns auch die politische und gesellschaftliche Entwicklung im Kulmer Land und in Polen nahe gebracht. Wir konnten keinen besseren Restaurantführer haben, er wusste uns auch über polnische Küche und Keller zu informieren. Die nicht stattgefundene Weichselfahrt kam in Erinnerung, als wir auf der Westseite der Weichsel das Bootshaus des Thorner Ruderclubs liegen sahen - ohne Hochwasser. Natürlich haben wir auch die Anlegestelle in Kulm besichtigt, die nach 72 km das Ziel gewesen wäre. Eine Weichselfahrt von Warschau nach Danzig ist für uns realistischer geworden. Vorher ist eine Anfahrt von 900 km erforderlich. Wenn sich das Gerücht bestätigen sollte, dass der DRV 2 Boote in Wilkassen (bei Lötzen) stationieren wolle, könnte mit geringerem Aufwand für die Fahrt, ein einzigartiges Natur- und Kulturerlebnis Masuren vermittelt werden.
Für Hinweise steht der Autor dieses Berichtes, Dr. Adolf Lungershausen, zur Verfügung.
Dr.A. Lungershausen Eichenstr. 14 34346 Hann.Münden Tel.: 05541 5720
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