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In plattem Land auf plattem Wasser: 160 km durch Ostfriesland
Horst Widderich vom Ruder-Club Favorite Hammonia (FH), Hamburg, war von der ‘Hammertruppe’, die im letzten Jahr die in einigen Abschnitten nicht einfache Holstein-Umrundung bravourös gemeistert hatte, so begeistert, dass er spontan sagte „Im nächsten Jahr machen wir wieder eine gemeinsame Tour, und ich organisiere das.“. Gesagt, getan! Das schwere, gedeckte D-Boot ‚Joachim Perry’ (Vierer m.Stm.) wurde nach Oldenburg überführt, von wo in der 2. August-Hälfte die 6-tägige Fahrt auf dem Küsten-Kanal begann. Von uns waren wieder Wulf Richter und Hajo Heinemann an Bord. Ein weiterer Freund von Hajo aus Schülerrudervereinstagen Anfang der 60-er Jahre, Jürgen ‚Bully’ Westenhoff, Reimer Schmidt (beide FH) und Wolfgang Knobloch (ETUF Essen) komplettierten die Truppe, so dass abwechselnd einer Landdienst ‚schob’. Befahren wurden außerdem der Elisabethfehn-Kanal, die Leda, die Ems, der Dortmund-Ems-Kanal, das Große Meer und der Jade-Ems-Kanal. Größere Städte am Wege sind: Leer, Emden (wo wir ‚Kultur’ machten in der von Henri Nannen gestifteten Kunsthalle), Aurich (wo wir beim Ruderverein ‚Argo’ ganz besonders freundliche Aufnahme fanden) und Wilhelmshaven, wo die Reise endete. Das Wetter war bestens, so dass selbst auf der breiten Ems kaum Wellen auftraten, bei denen man die Erfahrung von der Elbe aus dem letzten Jahr hätte nutzen können. Verblüfft waren wir über das meist sehr braune, moorige Wasser in den Kanälen, was wir so ausgeprägt nicht erwartet hatten.
Gleich zu Beginn erlebte Wolfgang (der der Meinung ist, Hajo würde ihm unterstellt, dass er etwas kaputt machen würde, nur weil er weiß, wie es gut zu reparieren ist!) seinen Bastlerfrust. Der zum Umsetzen mitgeführte zweirädrige Wagen zerbrach ihm irreparable unter den Fingern, so dass er die bereits im Baumarkt erworbenen Zutaten und die ausgeliehene Bohrmaschine unangewendet wieder zurück bringen musste. Aber diese Enttäuschung war nur von kurzer Dauer, denn als es galt das Boot umzutragen, ‚erfand’ Wolfgang noch etwas Besseres als den simplen Einsatz eines Bootswagens: der Bug des massiven ‚Schiffes’ wurde in den Kofferraum das Minibusses gehoben und alle brauchten nur am Heck anzufassen. Das funktionierte natürlich nur dort, wo ein befahrbarer Weg vorhanden war. Beim Umsetzen in den Jade-Ems-Kanal waren wir im Freien Feld und mussten das Boot einen Deich hoch wuchten. Nach getaner Tat lösten sich diverse Jubelschreie von den Lippen.
Ein ganz besonderes Naturereignis war ein nur ca. 20 Minuten langer Regenschauer am letzten Tag. Der bahnte sich lange an, so dass wir rechtzeitig nach einem Unterschlupf suchen konnten. Wir verkrochen uns unter einer niedrigen Brücke und sicherten vorher ordnungsgemäß das Boot. Dann kam es unglaublich heftig. Der recht schmale Kanal entartete zum aufgewühlten, tosenden Kochtopf mit sich überschlagenden Wellen, in den die Riesen-Regentropfen nur so hineinknallten und einige Zentimeter wieder hochsprangen. In unserer Lage konnten wir es genießen, weil klar war, dass das Spektakel bald zu Ende sein würde. Der drastischen Abkühlung folgte bald wieder wärmender Sonnenschein, der gegen den schwarzen Himmel vor uns die Landschaft besonders schön ausleuchtete.
Die Harmonie im Boot setzte sich auch an den Abenden fort, so dass wir uns oft recht spät in die Hotelbetten zwangen. Eines Abends orderten einige ahnungslos ‚Bratenteller’, was sich als 7-stückiges Fleischgebirge entpuppte. Nur Wulf kämpfte diesen Mannschaftsteller heldenhaft leer, sagte allerdings anschließend auch nicht mehr sehr viel. Die Reste von den anderen wanderten in einen Doggy-Bag und machte uns auch am nächsten Tag noch satt. Zum Glück gibt es ‚Friesengeist’, ein brennbares Gesöff, zu dem ein vorher vom Überbringer aufzusagender Spruch gehört. Dann wird er angezündet, wobei wir aber peinlich darauf achteten, dass nicht zu viel von dem schönen Alkohol sinnlos verbrannte. Von deutlich besserer Überschaubarkeit war das von einigen genossene ‚Sushi’ am letzten Abend. Aber da mussten wir ja auch nicht am nächsten Tag noch wieder kräftig in die Skulls langen! Zu den kulinarischen Besonderheiten zählen auch das Ernten von besitzerfreien Brombeeren und weniger besitzerfreien Pflaumen, beides vom Boot aus. Bei Sauwetter brachten wir das Boot nach Hamburg zurück und legten es am Sattelplatz der Ruderbundesliga ab, da der Zugang zum Vereinsgelände blockiert war. Unter all den schönen Rennachtern hat es sich hoffentlich wohl gefühlt?!
Fazit: es war wieder eine tolle Tour, auch und gerade weil sie von Horst bewusst nicht bis in die kleinste Einzelheit hinein durchgestylt war und der Abenteuerfaktor zum Konzept gehört. Horst organisiert auch 2012 wieder eine Fahrt. Das ist ein Grund zur Freude! Und deswegen ist es ein Kompliment an Horst.
Hajo Heinemann
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