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Dieser Bericht von der Winter-Wanderfahrt 2005 trifft auf alle seit über 30 Jahren durchgeführten Winter-Wanderfahrten auf der Weser von Hann.Münden bis Grohnde zu

Winterwanderfahrt auf der Weser am 27./28.12.2005

 

Noch immer scheinen Althistoriker um die Antwort auf die Frage zu streiten, wo denn nun die Varusschlacht 9 n. Chr. stattgefunden habe. Kalkriese bei Osnabrück und Ostwestfalen-Lippe stehen mal wieder zur Debatte. Vielleicht gibt es ja bis zum Jubiläum im Jahre 2009 noch neue Erkenntnisse.
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus stellt jedenfalls fest, und das ist unbestritten: An der Weser wurden die römischen Legionen auf ihrem Vormarsch gestoppt, und sie erlitten ihre größte Niederlage auf germanischem Boden.
Um den Bogen zu unserer Winterwanderfahrt zu spannen, möchte ich behaupten, dass weder Kälte, Schneetreiben, Gegenwind noch Hochwasser uns bisher aufhalten oder daran hintern konnten, auch im Winter auf der Weser aufs Wasser zu gehen. Mit anderen Worten: Die Weser ist sogar im Winter rudernd zu erfahren. Visurgis esse remigendum - etiam in hibernam! So könnte es Tacitus ausgedrückt haben.
Zweifellos ist das eine Erfahrung für Eingeweihte. Für den, der es nicht kennt oder der sich scheut, ist es schwer zu begreifen - zu kalt, zu riskant, zu abenteuerlich - kurzum mit Flucht aus dem gemütlichen Alltag wird es verächtlich abgetan, vielleicht aus Neid, sicher aber aus Unverständnis und Unkenntnis.
Der Wetterdienst hatte das Tief Holger mit Horrorvoraussagen angekündigt: Schneechaos im Norden mit starkem Wind sollte es geben. Das bedeutete für uns Kälte und Plackerei hinter den Skulls.
Am ersten Tag waren minus 3° noch erträglich, aber minus 6° am zweiten Tag kamen uns bei eisigem Gegenwind und Schneetreiben erheblich kälter vor. Der Frost kroch buchstäblich durch alle Poren. Kenner wussten es schon immer: Baumwollene Unterbekleidung ist unter derartigen Witterungsbedingungen fehl am Platz. Stattdessen sollte es in Zukunft sog. Thermo-Funktionsunterwäsche sein. Man lernt also nie aus.
Drei Boote waren unterwegs. Im Vierer m. Stm. ruderten Lieselotte Lindemann, Ursel Ries, Hans Dieter Hafke, Gerd Heute und Klaus Seifert bis Beverungen. Die beiden anderen Boote, Saale und Oder, hatten das Fährhaus Grohnde zum Ziel und waren mit Hajo Heinemann, Tim Schmidt, Bernd Urlaub, Peter Weckop und den beiden Gastruderinnnen Anne Schneller v. DRC Hannover sowie Gisela Temme v. RC Hansa Bremen besetzt. Letztere mussten offenbar von den Mythen, die die früheren Wintertouren umgaben, gehört haben, um dieses Wagnis einzugehen. Anne Schneller war zum zweiten Mal dabei, und als gestandene Ruderinnen blieben beide unbeeindruckt.
Bei der ersten Pause der drei Boote in Hemeln hatten wir noch Tuchfühlung, doch nach Bursfelde verloren wir uns aus den Augen. Jede der beiden Gruppen ruderte eben ihren eigenen „Streifen".
In Höxter, unserem Tagesziel, legten wir am Bootshaus des RV an, hievten die Boote im steilen Uferbereich an Land, begutachteten die Unterkunft der beiden Damen und wärmten uns erst einmal mit Tee und Annes Kümmerlingen etwas auf. Wir vier „alten Herren", inzwischen über 60, ließen uns anschließend per Taxi zum „Corveyer Hof“ bringen. Für eine Nacht sollte es nach langer Abwesenheit wieder einmal unser Logis sein. Während wir vier uns die ersehnten Grogs und Biere gönnten, unterhopft wie wir waren, ließen wir die beiden Damen derweil auf unseren Zimmern duschen. Im Bootshaus gab es kein warmes Wasser. Es gibt sie also noch, die Kavaliere der alten Schule!
Die ellenlange Speisekarte versprach trotz exotischer Bezeichnungen nicht unbedingt kulinarische Genüsse. Es roch und schmeckte stark nach Fertigkost. Doch darüber sieht man geflissentlich hinweg, wenn man gemütlich beisammen sitzt und Ruderereignisse von „Anno Tobak" Revue passieren lässt.
Der Abend klang relativ früh aus, da wir in Anbetracht der Unwetterwarnung für den nächsten Tag entsprechend früh aus den Federn wollten. Das Frühstück war derart dürftig und spartanisch, dass wir sofort von Monikas und Remberts Pendant in Albaxen zu träumen begannen. Dort bogen sich die Tische, nicht aber so in Höxter.
Die Boote waren schnell zu Wasser gebracht, und nach einer kurzen Verschnaufpause in Holzminden erreichten wir gegen Mittag das „Büro", alias „Krone" in Brevörde mit Hermann, dem „Virtuosen des knappen Satzes". Er staunte nicht schlecht über unser Ansinnen, im Gastraum die Innenhebel zweier Skulls zu justieren, d.h. Klemmringe und Manschetten zu versetzen. Mit stoischem Gesichtsausdruck sah Hermann dem ganzen Treiben zu. War er doch plötzlich nicht mehr Herr seiner eigenen Wirtschaft, so sehr wuselten wir mit Werkzeug und Gerät, sprich Skulls, umher. Da kein neuer Gast auftauchte, störte es nicht weiter. So sahen wir es, und Hermann wohl oder übel auch. Am warmen Kachelofen trockneten inzwischen unsere klammen Ruderklamotten, und auch wir waren nach unseren Aktivitäten und einem Süppchen wieder aufgetaut.
Nach Km 111, Bodenwerder, wurde es zunehmend kälter und unangenehmer. Die Kälte kroch förmlich durch alle Glieder. Einige Schluck Früchtetee ermunterten Hajo und mich im Zweier, die letzten paar Km noch mit „Anstand und Würde" hinter uns zu bringen. Dem anderen Boot mag es ebenso ergangen sein. Wir waren froh, es bei widrigen Wetterbedingungen wieder einmal ohne Schaden geschafft zu haben.
Gerd Baake, die treue Seele des MRV wenn es um pünktliche Transporte geht, erwartete uns schon am Fährhaus Grohnde, diesmal mit der Hiobsbotschaft: Hans Jürgen macht seinen „Laden" nicht auf, obwohl Licht brannte.
O Tempora, o Mores! So etwas hatte es in den 30 _Jahren noch nie gegeben. Fahrtenleiter Bernd beteuerte, er habe uns angemeldet. Aber es half nichts, wir standen zähneklappernd außen vor der Kneipentür. Mit blau gefrorenen Fingern riggerten wir die beiden Boote ab und verluden sie auf den Hänger, währen Gerd die beiden Frauen zum Bahnhof nach Hameln brachte.
Auf der Rückfahrt kamen die Lebensgeister schnell wieder zurück, nachdem Gerd die Heizung seines PKW aufgedreht hatte. Wir träumten von Saunagängen, einer heißen Dusche, einem Grog bzw. Tee „mit Geschmack", einem guten Essen und anschließend einem warmen Federbett. Unsere Wünsche fallen manchmal doch bescheiden aus, wenn uns die Zivilisation wieder voll im Griff hat. Und noch ein Fazit dieser Wanderfahrt: Wanderrudern im Winter ist schon lange keine Männerdomäne mehr. Der Anteil der Frauen betrug auf beiden Touren -Beverungen wie Grohnde - 40 %, was zu beweisen war.
Noch eine Anmerkung zum Schluss: Man kann beim Wanderrudern meditieren, träumen und denken - auch einen Bericht für die Vereinszeitung ausdenken, wie diesen, und das tat ich.

Joachim Tim Schmidt

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